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Wie analysiere ich meine Partien

Während meiner Streams auf dem Kanal Frauenschachexperten werde ich oft nach meiner Trainingsroutine gefragt. Zudem gab es unter dem letzten Blogeintrag die direkte Nachfrage, wie ich denn meine Partien analysiere. Da ich momentan eine kleine Turnierpause einlege dachte ich, teile ich einige Ausschnitte aus meinem Training mit euch. In diesem Blogbeitrag werde ich euch daher mein System der Partieanalyse vorstellen. Der Beitrag wird in zwei Abschnitte geteilt sein: Analyse von klassischen Partien und Analyse von Onlinepartien (in meinem Fall sind das meistens Blitzpartien).


Analyse von klassischen Partien

Schritt 1 Der erste Schritt der Partieanalyse geht für mich beim Turnier los. Nach der Partie gebe ich die Züge bei Chessbase ein und notiere mir Bedenkzeiten und einige Gedanken, die ich während der Partie hatte. Dabei lege ich vor allem wert darauf Momente zu kommentieren, die mir in der Partie kritisch erschienen. Dabei spielen sowohl konkrete Berechnungen, als auch Gefühle eine Rolle. Denn unsere Gefühle halten uns oft von objektiver Meinungsbildung ab. Wenn man das im Nachhinein nachvollziehen kann, weiß man, wann man in der nächsten Partie eventuell vorsichtiger agieren sollte und sich überlegen sollte, ob man die Entscheidung aufgrund konkreter Varianten trifft oder gefühlsbasiert (bei mir spielt hier oft Angst eine Rolle - Angst etwas übersehen zu haben, Angst die Stellung nicht richtig einzuschätzen, etc., aber auch Aufregung kann sehr gefährlich sein.) Hier ist ein Beispiel solcher Kommentare:

Wie ihr sehen könnt, halte ich auch den Moment fest, in dem ich aus dem Buch war. Das ist zum einen eine Erinnerung für mich die Variante zu wiederholen, und zum anderen der Ausgangspunkt meiner späteren Analysen. Bevor wir dazu kommen noch ein paar kleine Anmerkungen: Warum halte ich die Bedenkzeiten fest? Nahezu niemand teilt sich die Bedenkzeit perfekt ein, manche Leute spielen zu langsam, andere zu schnell. Ich gehöre eher zu der Gruppe, die zu schnell spielt. Ich arbeite daran, mir in kritischen Momenten bewusst mehr Zeit zu nehmen, natürlich klappt das nach wie vor nicht immer. Um festzustellen, ob ich mal wieder zu schnell gespielt habe, schreibe ich die Bedenkzeiten mit, denn dann kann ich mir nach der Partie eine fette Erinnerung schreiben beim nächsten Mal etwas langsamer zu spielen. Muss man sich wirklich nach jeder Partie diese Mühe machen? Ich halte die Kommentare direkt nach der Partie für sehr hilfreich, da man sich eine Woche später oft kaum noch an die konkreten Varianten erinnert, die man berechnet hat. Ich kann aber vollkommen verstehen, dass die meisten meiner Leser Amateurspieler sind und auch zu Turnieren fahren, um dort ihre Freunde zu treffen. Dann geht man nach der Partie eben erstmal nett essen, verquatscht sich da und plötzlich ist es schon sehr spät und man hat keine Lust mehr Kommentare zu schreiben. Auch mir geht das hin und wieder so. Wenn dieser Fall eintritt, notiere ich spätestens am nächsten Morgen einige relevante Varianten und lasse Wortkommentare häufig erstmal weg. Konkrete Varianten vergesse ich deutlich schneller, als was ich während der Partie gefühlt habe, daher sind diese für den Anfang wichtiger. Nach dem Turnier und vor der Computeranalyse versuche ich dann noch einige Gedanken nachzutragen, um meine Entscheidungsfindung besser bewerten zu können.

Schritt 2

Ist das Turnier einmal beendet, versuche ich so schnell wie möglich die Partieanalyse in Angriff zu nehmen. Optimal wäre es hier, zunächst die Partie ohne Computer zu analysieren und danach die Gedanken mit der Engine zu vergleichen. Aber ich möchte ehrlich zu euch sein - wenn ich Partien alleine analysiere, dann gehe ich nicht so vor. Es fällt mir schwer nach einer gespielten Partie noch viele neue Ideen ohne Input von außen zu finden, zudem bin ich nicht sicher, ob dieser Mehraufwand tatsächlich so viel bessere Ergebnisse liefert. Ich öffne also die Kommentare, die ich nach der Partie gemacht habe und fange an, diese mit der Engine zu bearbeiten. Dabei lege ich meinen Fokus auf die kritischen Momente - nicht nur die, die ich in der Partie als solche identifiziert habe, sondern auch solche, die ich in der Partie übergangen habe. Der Großteil meiner Analysen bleibt recht objektiv, aber ich versuche auch festzuhalten, wenn meine schlechten Angewohnheiten wieder Überhand genommen haben (in meinem Fall oft: "Wieder zu schnell gespielt!", bei anderen kann das natürlich anders aussehen). Bei mir selbst steigert das die Motivation, im nächsten Turnier noch mehr darauf zu achten, in kritischen Momenten aufmerksam zu sein. Die Partie aus Schritt 1 sieht nun so aus:


Schritt 3

Die Analyse einzelner Partien gibt mir oft Anlass, meine Eröffnungsdateien zu wiederholen. In dieser Partie haben wir beispielsweise gesehen, dass der Zug 7.De2 neu für mich war, dementsprechend würde ich den kurz (oder wenn es ein kritischer Zug ist natürlich auch länger) überprüfen und den Rest der Datei wiederholen. So wiederhole ich regelmäßig meine Eröffnungen, ohne einen Plan aufstellen zu müssen, wann welche Variante dran ist.

Schritt 4


Nachdem ich alle Partien eines Turniers analysiert habe, versuche ich oft nach Gemeinsamkeiten zu suchen. In El Llobregat war es beispielsweise auffällig, dass ich meine Vorteile schlecht verwertet habe. Das lag zum einen an teilweise zu schnellem Spiel, zum anderen an schlechter Variantenberechnung. Mein Trainingsplan wird dann so angepasst, dass ich hauptsächlich an den festgestellten Schwächen arbeite.


Analyse von Onlinepartien (Blitz- und Schnellschach)

Ich spiele online keine klassischen Partien, daher heißt dieser Abschnitt hier "Analyse von Onlinepartien", solltet ihr Partien mit wirklich langer Bedenkzeit auch online spielen, so empfehle ich euch, diese Analyse wie oben beschrieben durchzuführen.

Partien mit sehr kurzer Bedenkzeit analysiere ich natürlich nicht annähernd so tief, wie klassische Partien, da die meisten Entscheidungen auf Gefühl und kleinen Taktiken beruhen. Ich nutze Blitzpartien hauptsächlich dazu, mein Repertoire zu üben, daher liegt bei der Analyse auch darauf der Fokus - nach jeder Partie überprüfe ich, wie lange ich der Theorie gefolgt bin und ob mein Gegner abgewichen ist und es sich lohnt die Variante zu analysieren. Wenn ich während der Partie das Gefühl hatte, dass die Varianten nicht zu 100% sitzen, dann wiederhole ich danach meine Datei. Natürlich ignoriere ich den Rest der Partie nicht, und schaue auch hier vor allem nach kritischen Momenten. Dazu nutze ich sowohl bei Lichess als auch bei chess.com deren Analysefunktion. Eine kürzlich von mir gespielt Partie sieht da so aus:

Ich nutze nun gerne die Funktion "Lerne aus deinen Fehlern", dabei werden einem die Stellungen, in denen man grobe Fehler gemacht hat, noch einmal gezeigt und man kann versuchen einen besseren Zug zu finden. So kann man neben dem Blitzen direkt noch ein paar Aufgaben lösen. Ich hoffe dieser kleine Ausschnitt meines Trainings war spannend für euch und ihr konntet eventuell etwas für eure eigenen Partieanalysen mitnehmen.

Ab dem 6.2. werde ich an einem Trainingslager mit unserem Kader teilnehmen, von da an sind es ziemlich genau fünf Wochen bis zur Frauen-EM und da hier sonst wenig auf dem Blog passieren wird, plane ich euch wöchentlich einen Überblick über mein Training zu geben. Nach der Frauen-EM werden wir dann schauen, ob mein intensiver Trainingsplan Ergebnisse gezeigt hat :-).

Bis dahin freue ich mich natürlich immer über Fragen und Anmerkungen, bleibt gesund, eure Josefine

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