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Team-WM der Frauen - Aus im Viertelfinale

Nach 2021 konnten wir uns zum zweiten Mal für die Team-WM der Frauen qualifizieren. Diese fand vom 06.09.-12.09. in Bydgoszcz(Polen) statt. Nach dem Föderationswechsel von Dinara Wagner, hatten wir dieses Mal ein etwas stärkeres Team als vor zwei Jahren und die anderen Mannschaften haben zu großen Teilen auf den Einsatz ihrer Spitzenspielerinnen verzichtet, sodass wir dieses Mal deutlich bessere Chancen haben sollten. Insgesamt spielten zwölf Mannschaft, die zunächst in zwei Vorgruppen eingeteilt wurden, aus denen sich jeweils die besten vier für eine KO-Runde qualifizierten. In unserer Gruppe fanden sich neben dem Ausrichterteam Polen auch die USA, China, Bulgarien und FIDE Amerika. Ich muss zugeben, die Teilnahme von FIDE Amerika hat mich schon vor zwei Jahren gestört - alle Mannschaften treten mit Spielerinnen aus dem eigenen Land an und FIDE Amerika darf Spielerinnen aus dem gesamten Kontinent wählen. Warum kann man nicht ein einzelnes Land aus Südamerika wählen? Und wenn keines teilnehmen will, dann vielleicht einfach das nächst stärkere von einem anderen Kontinent? Auch die Organisation vor dem Turnier ließ etwas zu wünschen übrig. Lange wurden uns gar keine Infos mitgeteilt, es lag nur die Standardausschreibung dieses Turniers vor, in der zum Beispiel steht, dass der Organisator einen kostenlosen Transfer vom Flughafen stellen muss. Welcher Flughafen das ist, wird aber nicht spezifiziert. So ging ich bis zwei Tage vor meinem Abflug aus Baku davon aus, dass ich aus Warschau abgeholt werden. Da dies nicht der Fall war, musste ich dann den Zug nehmen. Ist natürlich alles keine Katastrophe, dennoch wäre es einer WM angemessen, solche Infos rauszugeben, bevor die Spielerinnen ihre Reise planen, immerhin gab es auch einen Flug Warschau-Bydgoszcz.


Bydgoszcz ist eine schöne Stadt. Jeden Abend vor unseren Teamsitzungen standen noch gemeinsame Spaziergänge an.

In Bydgoszcz angekommen, lief dann aber alles super. Ich wurde vom Bahnhof abgeholt, das Hotelzimmer war gut und ich hatte eine schöne Aussicht auf die Brahe. Abends trafen wir uns mit dem Team beim Essen und gingen danach spazieren. Am nächsten Morgen begann dann die Vorbereitung auf das Match gegen die USA. Ich spielte am dritten Brett gegen die langjährige Nationalspielerin Tatev Abrahamyan. Die Partie habe ich bereits analysiert:

Leider verloren wir das Match knapp mit 1,5:2,5, aber es standen ja noch vier Runden bevor. Nach einer sehr schmerzhaften Niederlage in der ersten Runde, setzte Dinara aus und ich rückte auf Brett 2 vor. An Brett 3 und 4 spielten Jana und Fiona. Das gegnerische Team aus China spielte zwar ohne alle(!) Topspielerinnen, es war jedoch zu erwarten, dass das Match schwer wird, denn China hat traditionell sehr viele starke Spielerinnen. Ich konnte in meiner Partie schnell großen Zeitvorteil und auch Stellungsvorteil erreichen.

Diagramm 1: Stellung nach 30.Te1

Hier verpasste ich jedoch eine sehr gute Möglichkeit meinen Turm endliche zu aktivieren: 30...Tb4! mit der Idee 31...Td4 hätte die Partie vermutlich sehr schnell gewonnen. Stattdessen spielte ich 30...Sg4 31. Se4 Dd5 32. De2 f5 und nach 33. Sg5 musste ich plötzlich genau spielen, um das Gleichgewicht zu halten. Es gelang mir aber, mich zu fangen und die Partie endete Remis. Leider kam auch Elisabeth nicht über ein Remis hinaus und Jana und Fiona verloren ihre Partien. Es war ein kleiner Trost, dass meine Unfähigkeit diese Partie zu gewinnen, uns keinen Mannschaftspunkt gekostet hat, dennoch war dieser Start natürlich unschön, da wir nun aus den nächsten drei Matches mindestens zwei gewinnen mussten. In Runde drei saß uns das starke Team aus Polen gegenüber. Ich spielte wieder am dritten Brett mit Schwarz - gegen Aleksandra Maltsevskaya. Sie überraschte mich in der Eröffnung, allerdings erreichte ich eine akzeptable Stellung. Meine Gegnerin setzte mich aber weiter unter Druck, sodass ich einen Bauern für Aktivität opferte:

Diagramm 2: Stellung nach 26.fxe5

Hier fand ich 26... Df3 27. De1 Dh1 28. Dh4 Le4 29. Df2 Dg2 und es gelang mir die Damen zu tauschen. Das Läuferpaar und der geschwächte weiße Königsflügel gaben mir genug Gegenspiel, um die Stellung zu halten. Kurioserweise endete auch diese Partie damit, dass ich meinen Läufer gegen ihren vorletzten Bauern abgab und eine Stellung erreicht, in der mein König nach a8 lief und meine Gegnerin den falschen Läufer hatte. Zweimal die gleiche theoretische Stellung in drei Partien ist tatsächlich sehr ungewöhnlich und mir so vermutlich noch nicht passiert. Leider kamen wir auch an Brett 1 und 2 nicht über ein Remis hinaus und Hanna Marie verlor an Brett 4 gegen die starke Schnellschachspielerin Klaudia Kulon. Somit standen wir vor den letzten beiden Runden unter großem Druck und die KO-Runde begann für uns im Prinzip früher, denn wir mussten unbedingt beide Matches gewinnen. In Runde vier saß uns das Team Fide Amerika gegenüber. Ich spielte wieder mit Schwarz an Brett 3, meine Gegnerin kam dieses Mal aus Paraguy - Jennifer Perez Rodriguez. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass unsere Gegnerinnen so aufstellen, sodass die Vorbereitung im Prinzip ausfiel. Dennoch bekam ich schnell eine sehr gute Stellung mit Schwarz und konnte von Anfang an um den ganzen Punkt kämpfen. Die Partie lief auch lange gut, bis meine Gegnerin Gegenspiel einleitete:

Diagramm 3: Stellung nach 34. Dxb4

Hier dachte ich über 34... Kg6 35. De7 Lg4 36. De8+ Df7 nach, allerdings war mir das entstehende Endspiel wegen des b-Freibauern nicht so klar. Die Engine lacht mich aus und gibt mir gewinnbringenden Vorteil :) Ich entschied mich aber gegen diese Variante, weil ich dachte, dass Jana und Dinara gewinnen und spielte stattdessen 34... Tc1+ 35. Txc1 Dxc1+ und gab auf c1 und f4 Dauerschach. In meinem Zimmer angekommen, stellte ich fest, dass Elisabeths Stellung sehr gefährlich war und Dinaras Stellung zwar besser, aber bei weitem nicht gewonnen. Glücklicherweise endeten beide Partien Remis und Jana brachte ihre Partie souverän nach Hause, sodass meine Entscheidung richtig war. Der erste Schritt war getan und nun brauchten wir am nächsten Tag nur noch einen Sieg gegen Bulgarien, um in die KO-Runde einzuziehen. Wir spielten mit dem gleichen Team und in der fünften Partie bekam ich das erste Mal Weiß. Beloslava Krasteva überraschte mich in der Eröffnung und ich geriet sogar in eine recht unangenehme Stellung. Sie ließ mich aber die c-Linie öffnen, wonach meine Figuren wieder Platz bekamen und ich sogar um Vorteil hätte kämpfen können. Leider habe ich es nicht geschafft, das zu realisieren und reagierte in Diagramm 4 falsch:

Diagramm 4: Stellung nach 25...Sa7

Hier hätte ich 26. fxe5 Dxe5 27. Lf4 spielen sollen und hätte gute Chancen auf Vorteil gehabt. Stattdessen wählte ich 26. Dd5 und nach 26...Dxd5 27. exd5, tauschten sich alle Türme auf der c-Linie und mein d-Bauer wurde vom Springer blockiert. Danach hatte ich leider keinerlei Gewinnchancen mehr und die Partie endete recht ereignislos Remis. Leider hatte Elisabeth nahezu keine Gewinnchancen und Dinara und Jana standen beide völlig auf Verlust. Da das Match sehr wichtig war, verließ ich jedoch den Spielsaal nicht und beobachtete die Partien aus nächster Nähe und etwas Unglaubliches ereigenete sich. Zunächst hielt Jana ihr Endspiel auf mysteriöse Weise, dann entwischte Dinara ins Remis und schlussendlich wählte Stefanova ein verlorenes Bauernendspiel, statt ein remises und Elisabeth konnte gewinnen! So viel Glück auf einem Haufen ist schwer zu glauben und nach diesem Match war die ganze Mannschaft sehr euphorisch, immerhin hatten wir den Einzug ins Viertelfinale geschafft! Dort saß uns am nächsten Tag Kasachstan gegenüber. Sie spielten mit einer sehr jungen Mannschaft und die eine oder andere Spielerin hat mich dieses Jahr auch schon mehrfach gequält. Wir sollten zwei Matches spielen und bei einem Gleichstand sollte geblitzt werden. Im ersten Match hatten wir wieder Schwarz am ersten Brett und ich spielte gegen die 16-jährige Alua Nurmanova. Dieses Mal klappte unsere Vorbereitung gut und ich konnte eine gute Stellung aus der Eröffnung erreichen. Leider machte sich dann das schwierige Turnier bemerkbar und ich übersah eine recht simple Taktik:

Diagramm nach 18. De1

Hier hätte ich nach 18...Th5 vermutlich sogar die bessere Stellung erhalten(wenn auch sehr kompliziert). Es missfiel mir aber, meine Figuren so unkoordiniert hinzustellen, also entschied ich mich vür 18...Lb4. Leider verliere ich nach 19. Sxd5 Lxd5 20. Sxd5 Dxe5+ nicht nur den wichtigen Bauern auf e5, sondern auch den auf g7. Ich spielte noch weiter, aber meine Gegnerin konnte ihren Vorteil souverän verwerten. Glücklicherweise spielte Dinara eine starke Partie und konnte das Match dadurch wieder ausgleichen. Brett 1 und 4 endeten Remis und somit auch das Match.

In der anschließenden Runde spielten wir in ähnlicher Aufstellung, nur an Brett 4 spielte dieses Mal Hanna Marie statt Fiona. Die Kasachinnen wechselten nicht. Im Nachhinein hätte ich mich auswechseln lassen sollen, aber man weiß natürlich nie, wie das Match dann verlaufen wäre.

Ich kam bereits schlecht aus der Eröffnung mit Weiß und meine Gegnerin spielte eine fehlerfreie Partie und schlug mich problemlos. Somit lag mein Team wieder 0:1 hinten und in einem wilden Match, mit Chancen für beide Seiten auf allen Brettern, mussten sich am Ende leider auch Hanna Marie und Elisabeth geschlagen geben und nur Dinara konnte gewinnen.

Foto: Paul Meyer-Dunker/DSB

Das bedeutete für uns das Aus aus dem Turnier. Gerade das letzte Match verlief für uns eher unglücklich, aber man sollte auch festhalten, dass wir das Match gegen Bulgarien unglaublich glücklich gewinnen konnten und sich das am Ende die Waage hält. Mit meinem Spiel in der Vorrunde bin ich recht zufrieden, natürlich hätte der eine oder andere ganze Punkt kommen sollen, aber glücklicherweise habe ich das immer in Momenten verpatzt, in denen es das Mannschaftsergebnis nicht geändert hätte. Dass ich im Viertelfinale so neben mir stand, ist natürlich sehr schmerzhaft. Insgesamt muss ich sagen, dass diese 45+10 Partien deutlich anstrengender sind als man denkt, weil man sich irgendwie keine Zeit nehmen kann, mal eine Pause einzulegen, sondern durchgängig fokussiert bleiben muss. Da die Partien am Ende aber oft zwei Stunden dauern, schlaucht das deutlich mehr als eine einstündige Schnellschachpartie. Und zwei dieser Partien sind auch auf jeden Fall anstrengender als eine klassische Partie, insbesondere, weil die Pause zwischen den beiden Partien sehr kurz ist. Falls es euch hier etwas zu sehr um mich und zu wenig um die anderen Spielerinnen ging, kann ich euch sehr die Berichterstattung des Deutschen Schachbundes empfehlen. Dort findet ihr auch viele tolle Bilder von uns. Ich bin froh, dass wir es dieses Mal wenigstens ins Viertelfinale geschafft haben und glaube fest daran, dass wir es beim nächsten Mal auch noch weiter schaffen können. Danke an alle meine Mitspielerinnen, dafür dass ihr so tolle Teamkameradinnen seid! Und danke auch an den Schachbund, ihr habt es für die Fans dieses Mal sehr angenehm gemacht :)

Als nächstes steht für uns ab morgen ein Trainingslager an und im November dann die Team-EM, bei der leider eine unserer sechs Spielerinnen zu Hause bleiben muss.


Bis dahin, Josefine

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